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Scrollytelling #1-2 - Digitales Angebot zur Ausstellung UMBRUCH

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UMBRUCH - Idee der Ausstellung

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First Views der ersten Ausstellung des neuen
Direktors Johan Holten in der Kunsthalle Mannheim








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 „Ich möchte mit der Ausstellung UMBRUCH ein neues Kapitel in der Geschichte der Kunsthalle Mannheim aufschlagen."

Johan Holten
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DIE AUSSTELLUNG VOR DEM HINTERGRUND DER AKTUELLEN KRISE

Als Johan Holten Ende letzten Jahres als neuer Direktor am Haus seine erste Ausstellung plante, konnte er nicht ahnen, was kommen würde. 
Die globale Krise, in der sich unsere Gesellschaft aktuell befindet, verdeutlicht stärker denn je, wie schnell uns radikale Umbrüche erschüttern können. Brüche mit unseren gewohnten Werten, Normen und dem Selbstverständnis unseres alltäglichen Lebens. Daher erscheint es jetzt drängender denn je, das Ausstellungsprojekt UMBRUCH nach der corona-bedingten Schließung zu präsentieren.

Foto: Johan Holten beim Videodreh zur aktuellen Situation der Ausstellungsplanung vor dem Hintergrund der Corona-Krise.
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Die Covid-19 Pandemie traf mitten in die Aufbauvorbereitungen der Ausstellung UMBRUCH, die planmäßig Mitte Mai eröffnet hätte. Eine ganz praktische Herausforderung war der internationale Transport zweier großer skulpturaler Arbeiten der Künstlerinnen Kaari Upson aus Los Angeles und Xu Xiaoyuan aus Peking. Glücklicherweise konnte für beide Werke rechtzeitig ein Platz in einem Frachtflieger ergattert und die eigens für die Ausstellung entstandenen Werke gezeigt werden. 


Foto: Skizze der Künstlerin Hu Xiaoyuan, die die einzelnen Objekte ihrer mehrteiligen Skulptur mit Maßeinheiten zeichnete, um die Frachtgröße für den Flugtransport zu ermitteln.
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INSZENIERUNG DER AUSSTELLUNG

„Für UMBRUCH habe ich mir eine ausgefallene Architektur der Ausstellung ausgedacht, die in drei Kapiteln inszeniert wird.
Seit Eröffnung des Neubaus 2018 ist das Kapitel Umbau an der Kunsthalle abgeschlossen.
Doch ab Mai wird sich erneut ein Gerüst durch die Räume des Museums ziehen, diesmal als Teil der Ausstellungsarchitektur.

Ich möchte mit meiner ersten Präsentation an der Kunsthalle Mannheim den inhaltlichen Umbruch erfahrbar machen, den ich auf den äußeren baulichen folgen lasse."
Johan Holten


Foto: Blick hinter die Kulissen – Probe der Ausstellungsarchitektur mit dem Kurator, Gerüstbauern und Art Handling Team.
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Wände, Kuben, Rampen und Podeste aus Gerüsten ziehen sich durch die Ausstellungsräume. Das Gerüst als Sinnbild für etwas Neues und gleichzeitig Unfertiges steht für die Frage, wie die Kunsthalle, aber auch unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen könnte.


Video: Impressionen und Soundscape zum Gerüstaufbau in der Ausstellung.
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ERSTES AUSSTELLUNGSKAPITEL

Der Ausstellung liegen drei Schwerpunkte zugrunde. Ein Kapitel lenkt den Blick zurück auf die Sammlungsgeschichte des Hauses.

„In einem Schwerpunkt der Ausstellung möchte ich, rund 100 Jahre nach der legendären Mannheimer Ausstellung NEUE SACHLICHKEIT, drei weibliche Positionen dieser 1925 in Mannheim geprägten Stilrichtung in den Fokus rücken, die lange übersehen wurde. So kommen also nicht nur Werke der Künstlerin Hanna Nagel aus dem Depot der Kunsthalle in die Ausstellungsräume, auch Werke von Anita Reé und Jeanne Mammen werden gezeigt. Sie nehmen – damals wie heute – aktuelle Themen der Frau in der Gesellschaft in den Blick.“
Johan Holten


Foto: Johan Holten im Schaudepot der Kunsthalle Mannheim
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„Die drei Frauen Anita Rée, Jeanne Mammen und Hanna Nagel stehen stellvertretend für lange übersehene, vergessene und unterschätzte Künstlerinnen der Moderne. Ihre Karriere beginnen in den 1920er-Jahren – eine Zeit des Aufbruchs. Frauen, speziell Künstlerinnen haben völlig neue Möglichkeiten, da sie seit 1919 juristisch gleichgestellt sind und nun Zugang zu Ausbildungsstätten, Akademien und zur freien Kunstszene haben. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ändert sich die Lage dann schließlich drastisch. Die drei Frauen stehen nicht nur beispielhaft für die marginalisierende, diskriminierende Behandlung von Künstlerinnen im Allgemeinen. Sie repräsentieren auch das Schicksal unterbrochener Lebensläufe. Innere und äußere Emigration, Stilwechsel, berufliche Neuorientierung sind die Folgen. Anita Rée nimmt sich in diesem Jahr das Leben und Jeanne Mammen verliert ihre Auftraggeber. Nach 1945 können sie und Hanna Nagel an die Erfolge und den begonnenen Weg der 1920er-Jahre nicht mehr anknüpfen.
Heute zählen alle drei Künstlerinnen zu den Vertreterinnen der Neuen Sachlichkeit. Bis zu ihrer verdienten Würdigung vergehen allerdings Jahrzehnte.“
Inge Herold 


Foto: Inge Herold, Stellvertretende Direktorin und Kuratorin des historischen Kapitels der Ausstellung, bei der Recherchearbeit.
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Anita Rée, Jeanne Mammen und Hanna Nagel –  drei Vertreterinnen der Neuen Sachlichkeit. Doch welche Persönlichkeiten und Werdegänge stehen hinter den Künstlerinnen?


Foto: Blick in den Ausstellungssektor der drei historischen Künstlerinnen-Positionen des Ausstellungsmodells.
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Hanna Nagel, Selbstbildnis, 1929
Hanna Nagel, Selbstbildnis, 1929
Vollbild
Schon als Studentin war Hanna Nagel an der Badischen Kunstschule in Karlsruhe aufgefallen, wegen ihres großen zeichnerischen Talents aber auch weil sie sich von Anfang an vehement für die Gleichberechtigung von Frauen eingesetzte. Der Kampf um Selbstbehauptung und Gleichstellung als Frau und Künstlerin wurde das große Thema in ihrem Werk. Hanna Nagel war Ende der 20er-Jahre und Anfang der 30er-Jahre bekannt und erfolgreich, das zeigt sich auch in ihrem Selbstporträt. Mit aufgekrempelten Hemdsärmeln, kräftigen Oberarmen, der diagonale Haltung und kurz geschnittenem Haar stellt sie sich als selbstbewusste und moderne Frau dar. Ein klares Statement, aber auch kritische Selbstbefragung. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten setzt im Leben von Hanna Nagel eine Zäsur. Nach 1945 gelingt es ihr nicht, wieder an ihre Karriere anzuknüpfen. Ihre Wiederentdeckung setzt erst nach ihrem Tod ein. Etliche ihrer Werke sind in der Sammlung der Kunsthalle vertreten. Die nun gezeigte Ausstellung ist ein weiterer Schritt zur Neubewertung von Hanna Nagel. 


Im Gespräch mit Inge Herold – ein Beitrag des SWR2 zu Hanna Nagels Kampf um Gleichberechtigung von Marie-Dominique Wetzel.



Hanna Nagel, Selbstbildnis, 1929
Hanna Nagel, Selbstbildnis, 1929
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„Für die Ausstellungswände, auf denen wir die Werke der Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit präsentieren, haben wir drei zusammen passende und dennoch unterschiedliche Farbtöne ausgewählt.
Es ging bei der Auswahl auch darum, einerseits einen perfekten Farbton zu finden, bei dem jeweils das einzelne Werk zur Geltung kommt, andererseits aber auch um die visuelle Unterscheidung zwischen den Werkgruppen von Anita Rée, Jeanne Mammen und Hanna Nagel."
Johan Holten


Foto: Johan Holten bei der Farbauswahl der Ausstellungswände für die drei Künstlerinnen Anita Rée, Jeanne Mammen und Hanna Nagel.
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ZWEITES AUSSTELLUNGSKAPITEL

Der Ausstellung liegen drei Schwerpunkte zugrunde.
Ein Kapitel nimmt den gesellschaftlichen Umbruch in den Blick.

„Umbruch ist etwas, das ich nicht nur an der Kunsthalle selbst sehe, sondern vielleicht auch als eine Reaktion darauf, wie unsere ganze Gesellschaft – auch die Stadt außerhalb der Kunsthalle – sich eben im Umbruch befindet. Und nun geht es darum auch im inneren, inhaltlichen Sinne in der Kunsthalle einen Umbruch in der Programmgestaltung herbeizuführen."
Johan Holten

Foto: Skizze zur Ausstellungsplanung von Johan Holten
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Gezeigt wird in etwa die Videoinstallation Les Indes Galantes des französischen Künstlers Clément Cogitore von 2017.

Hier ein Ausschnitt der Arbeit ...
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Clément Cogitore arbeitete mit Street-Dancern diverser sozialer und ethnischer Hintergründe und hat diese mitten auf der Bühne der Pariser Oper tanzen lassen. Zu den Klängen der Barock-Oper Les Indes Galantes provozieren sich die Tanzenden gegenseitig zum Wettstreit – der mitreißt und ein befreiendes Gefühl auslöst. Getanzt wird der Freestyle Krump, der seine Wurzeln im Hip-Hop hat und in den 1990er-Jahren als Protest gegen rassistisch motivierte Gewalt, Diskriminierung und soziale Ausgrenzung entstand. Ein Konflikt, der auch heute für junge Menschen mit Migrationshintergrund wie der Pariser Banlieue eine Rolle spielt. Die Musik des barocken Opernballetts war im frühen 18. Jahrhundert vom Rhythmus und Gesang zweier amerikanischer Indigener in Paris inspiriert. Es vermischen sich also in der Arbeit vielfältige kulturelle Aspekte der heutigen französischen Gesellschaft und Cogitore bricht soziale Vorurteile auf.


Foto: Der französische Film- und Videokünstler Clément Cogitore
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In seinem Kurzfilm „The Republic of T.M.“ (2016) interpretiert Masar Sohail die beständige Geschichte vom Gewinnen und Verlieren innerhalb des Kapitalismus. Dabei spiegelt Sohail in seinen Geschichten auch die eigene Biografie wider, als Künstler mit irakischen Wurzeln innerhalb des Kunstbetriebs der Kopenhagener Akademie.
Die filmische Atmosphäre entspricht der allgegenwärtigen Bedrohung aufgrund von globalem Terrorismus sowie rassistisch motiviertem Hass. Gegenwärtig radikalisieren sich junge Menschen, in der Hoffnung, eine neue Gesellschaft zu schaffen, denn in der bestehenden fühlen sie sich verloren oder verraten.


Foto: Blick auf die Videoarbeit in der Ausstellung. Zu hören ist ein persönlicher Komentar Masar Sohails zu seinem Werk.

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DRITTES AUSSTELLUNGSKAPITEL

Der Ausstellung liegen drei Schwerpunkte zugrunde. Ein Kapitel nimmt die Zukunft der Mannheimer Sammlung in den Blick.  

„Im dritten Teil der Ausstellung möchte ich die berühmte Skulpturensammlung der Kunsthalle Mannheim mit drei neuen, globalen Bildhauerinnenpositionen erweitern. Dafür habe ich drei Künstlerinnen eingeladen, skulpturale Installationen für die Ausstellung zu schaffen. Dabei sind die aus einem Vorort von Los Angeles stammende Kaari Upson, die deutsch-türkische Künstlerin Nevin Aladağ und Hu Xiaoyuan, die in Peking lebt und arbeitet.“
Johan Holten


Video: Johan Holten in den noch leeren Ausstellungsräumen von UMBRUCH.
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In ihrem künstlerischen Ansatz lotet die Künstlerin und Choreografin Alexandra Pirici die unterschiedlichen Grenzen von Tanz, Aktion und bildender Kunst aus. Dadurch eröffnet sie sowohl dem Ausstellungsort Museum sowie dem Publikum neue Perspektiven, um einen Ort und dessen Kunstwerke performativ erfahrbar zu machen.
Die Performer*innen der fortlaufenden performativen Aktion „Re-Collection“ (2018-20) haben jeweils einen ganz persönlichen Bezug zur Region, der sich in ihrem komplexen menschlichen Körpergedächtnis zeigt. Auf diese Weise wird die Vielfalt der Mannheimer Stadtgesellschaft mit ihren spezifischen Erfahrungen unmittelbar im Ausstellungsraum lokalisiert. Es folgt ein Video der Arbeit.


Foto: „Re-Collection“,  fortlaufende performative Aktion in den Ausstellungsräumen.
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Nevin Aladağ bei der Raumbegehung in der Kunsthalle für ihr Musikzimmer „Resonanzraum“, das eigens für die Ausstellung UMBRUCH von ihr geschaffen wurde.


Video: Das Video entstand, als Nevin Aladağ zur Vorbereitung der Installationsarbeit mit Johan Holten im Gespräch war.
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Für die Ausstellung „Umbruch“ in der Kunsthalle Mannheim gestaltet Aladaǧ nun einen eigenständigen „Resonanzraum“, in welchem Instrumente direkt in vier Wandecken integriert sind. Das Zimmer wird zum Klangkörper und musiziert selbst: ein auf einzelne Saiten abstrahiertes Eck-Cello, eine Eck-Harfe in Form einer antiken Leier, eine abstrahierte Eck-Trommel sowie trichterförmig angeordnete Eck-Glocken, während der Boden des quadratischen Raums von einem Sound-Teppich bedeckt ist.


Foto: 3D-Skizze der Rauminstallation „Resonanz Raum“ von Nevin Aladaǧ.

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Die Musikobjekte entstanden in Zusammenarbeit mit Instrumentenbauern.


Foto. Blick in die Werkstatt der Instrumentenbauer.
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Die Instrumente werden während der Laufzeit der Ausstellung von professionellen Musikern gespielt.

Ich spiele selbst nur in meiner Freizeit Instrumente, habe jedoch im Spiel festgestellt, dass es wirklich qualifizierte Musiker sein sollten. Diese haben ein differenzierteres Harmoniegefühl und können besser aufeinander eingehen, aufeinander hören und sich spüren. Insgesamt gebe ich nur wenig vor. Die Musiker sollen versuchen, so viele Instrumente wie möglich zu aktivieren. Sie können sich völlig frei im Raum bewegen und sind nicht an ein Instrument gebunden. Die Virtuosität der Musiker kommt so zum Ausdruck, andernfalls besteht das Risiko eines klanglichen Geräusche-Chaos’."
Nevin Aladağ

Video: Aufnahmen während der Ausstellungsinstallation der Musikobjekte, die von zwei langjährigen Mitarbeitern der Künstlerin aufgebaut werden.
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Drei Vertreterinnen der Neuen Sachlichkeit

Anita Rée (1885-1933) gilt in den späten 1920er Jahren als erfolgreiche Vertreterin der neusachlichen Malerei in Hamburg. Nach Lehrjahren in Paris bricht sie 1922 nach Italien auf, wo sie bis 1925 in Positano lebt. Die Darstellung von Natur und Architektur wird hier zu ihrem bevorzugten Motiv, während sie formal einen klaren Stil entwickelt, der seine Impulse der Malerei der Frührenaissance verdankt. 1925, im selben Jahr, in dem in der Kunsthalle Mannheim die Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ stattfindet, kehrt sie nach Hamburg zurück und feiert dort schnell vor allem im Bereich Porträt Erfolge.

Auch in ihrer Bildniskunst greift sie auf traditionelle Kompositionsschemata der Renaissance zurück. Zusammen mit einer altmeisterlichen Lasurtechnik entstehen so typisch neusachliche Porträts, wie etwa das von Hildegard Heise, die vor dunklem Grund in strenger Frontalität wiedergegeben ist. Daneben erkundet sich Anita Rée in zahlreichen Werken auch selbst. Einerseits untersucht sie das Potenzial der künstlerischen Mittel, andererseits gibt sie Einblick in ihre Gefühlswelt, die von Melancholie und Skepsis beherrscht ist. Wie vielfältig Anita Rées Stilrepertoire ist, zeigen drei Bilder mit reich ornamentierten, stilisierten Fabeltieren in paradiesischen Landschaften.

Im Jahr 1932 wendet Rée Hamburg den Rücken zu und siedelt nach Sylt über. Depressionen und weitere gesundheitliche Probleme, aber auch Anfeindungen wegen ihrer jüdischen Herkunft bestimmen ihre letzten Jahre. Auch die politische Lage trägt dazu bei, dass sie sich Ende 1933 das Leben nimmt. Danach verliert sich die Spur ihres Werks weitgehend in Privatbesitz und Kunsthandel, bevor es in den 1960er Jahren zu einer ersten Wiederentdeckung kommt. Einem breiteren Publikum wird Anita Rée 2017 durch die Retrospektive der Hamburger Kunsthalle bekannt. Ihr Werk steht nun stellvertretend für die Korrektur des traditionellen männlich geprägten Kanons der Kunstgeschichte.
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Als Chronistin der Weimarer Republik prägt Jeanne Mammen (1890-1976) in Aquarellen und Zeichnungen unsere Vorstellung vom pulsierenden Leben in der Metropole Berlin. Sie zeigt selbstbewusste, sich vergnügende Frauen in Cafés und Kneipen, wagt die Darstellung gleichgeschlechtlicher Liebe zwischen Frauen, beschäftigt sich mit dem trostlosen Alltag der sozialen Unterschicht und den Schattenseiten des Großstadtlebens. Nach Stationen in Paris und Brüssel gelingt es ihr ab 1915 schnell in Berlin in der boomenden Szene der Modezeitschriften ihr Geld zu verdienen. Ihre Genredarstellungen, in deren Zentrum das Bild der koketten jungen Großstädterin steht, schmücken bald die Titelseiten populärer satirischer Zeitschriften.

Mammens Aquarelle  sind Momentaufnahmen, die ihren Verwendungszweck als Illustration erkennen lassen, ohne jedoch plakativ zu sein. Häufig kommen, etwa  in Blättern wie „Strand“ oder „Ausweg“, Untertöne von feiner Ironie und die Tendenz zu spöttischer Übertreibung hinzu. Mammen liefert die objektive Zustandsbeschreibung einer urbanen Gesellschaft, die durch eine sich zunehmend verschlechternde wirtschaftliche und politische Lage ins Wanken gerät. Neben ihren Auftragsarbeiten entsteht eine Vielzahl von teilweise stark überzeichneten Porträts.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Jahr 1933 findet Mammens vielversprechende Karriere ein abruptes Ende. Die meisten Zeitschriften, für die sie gearbeitet hat, werden verboten. Zeitgleich löst sie sich von ihrer realistischen Phase und es entstehen zunehmend abstrakte Kunstwerke. Nach dem Krieg nimmt sie zwar wieder am erwachenden Ausstellungsgeschehen in Berlin teil, doch ihre Kunst findet kaum breite Beachtung mehr. Erst in den 1970er Jahren entwickelt sich allmählich  ein neues Interesse vor allem für ihre neusachliche Phase. So steht Jeanne Mammen wie Anita Rèe und Hanna Nagel beispielhaft für die kunsthistorische Neubewertung der 1920 und 1930er Jahre im Hinblick auf die vergessene und unterschätzte Leistung von Künstlerinnen.
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Hanna Nagel (1907-1975) hat sich so intensiv wie keine andere Künstlerin ihrer Zeit mit dem Verhältnis zwischen Mann und Frau sowie dem immerwährenden Konflikt zwischen Berufstätigkeit und Mutterschaft auseinandergesetzt. In Heidelberg geboren und aufgewachsen, erhält sie ihre Ausbildung bei Karl Hubbuch in Karlsruhe, einem Zentrum der Neuen Sachlichkeit. Die wenigen aus den Jahren 1928 bis 1929 erhaltenen Blätter zeigen Nagels großes Können und ihre scharfe Beobachtungsgabe, ihre Arbeiten sind schonungslos und typisierend überzeichnet, schon fast karikierend.

1929 siedelt Hanna Nagel mit dem Künstler Hans Fischer, den sie 1931 heiratet, nach Berlin über. Sie entfernt sich von dem neusachlichen Zeichenstil und ihre Arbeiten werden formal komplexer, malerischer und symbolhaft aufgeladen. Auch wenn das Verhältnis zu ihrem Mann sowie das Thema der eigenen, zunächst unerfüllten Mutterschaft, wie etwa in dem Blatt „Kunst-Kind-Mann“, eine dominierende Rolle spielen, kommt Nagel zu visuellen Lösungen, die zeitlos und allgemeingültig sind. 1931 ist die erst  24-Jährige neben Käthe Kollwitz auf der internationalen Ausstellung „Frauen in Not“ mit zwölf Blättern zum Thema Abtreibung vertreten.

Das Jahr 1933 setzt im Leben von Hanna Nagel eine Zäsur. Sie verbirgt von nun an ihr kritisches Frühwerk, arbeitet surrealer und illustrativer und bietet den Nationalsozialisten so keinen Anlass zur Brandmarkung. Nach 1945 gelingt es ihr jedoch nicht, an die hoffnungsvollen Anfänge ihrer Karriere anzuknüpfen. Bald darauf trennt sie sich von Hans Fischer und bestreitet als alleinerziehende Mutter in Heidelberg ihren Lebensunterhalt durch Buchillustrationen. Ihre Wiederentdeckung setzt erst nach ihrem Tod ein, die Aufarbeitung des Nachlasses und ihres gesamten Schaffens stehen bis heute aus. Die hier gezeigte Ausstellung soll nun ein weiterer Schritt zur Neubewertung des kunstgeschichtlichen Kanons sein, zumal die Künstlerin mit etlichen Werken in der Sammlung der Kunsthalle vertreten ist.
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Kaari Upson

Überdimensionale Baumstämme, gegossen, verformt und bemalt, bilden einen begehbaren Wald, den die Besucher*innen erkunden. Die Urform dieser Skulpturen geht auf eine gefällte Kiefer im Vorgarten ihres Elternhauses zurück. In der Rindenstruktur hat die Künstlerin vergrößerte Abdrücke von menschlichen Knien integriert, abgenommen von sich selbst, ihrer Mutter, ihrer Freundin Christina und deren Mutter.


Foto: Blick in das Studio der Künstlerin in Los Angeles beim Bearbeiten der Skulpturen für die Kunsthalle. 
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Zunächst nehmen ich und mein Team den physischen Abguss der Knie aus Silikon. Das gleiche machen wir mit dem Stamm. Im weiteren Verlauf vergrößern wir diese realen Abgüsse, verformen sie. Es ist ein komplexer Prozess von Dopplung, Spiegelung, der Untersuchung von Oberflächen. Wir arbeiten auch mit 3-D-Rendering, um die Knieabgüsse und die Stämme zu überlagern, denn jeder Ast, jede Kniewölbung ist einzigartig. Die Form füllen wir dann mit Polyurethan und fräsen es am Ende. In einem nächsten Schritt bemale ich die erhärteten Abgüsse."


Foto: Detailaufnahme von Mother's Legs" von Kaari Upson.
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Die Freude ist groß, „Mother's Legs“ ist da. Lange Zeit musste aufgrund der aktuellen Corona-Krise um den Transport der beiden Installationen von Hu Xiaoyuan aus Peking und Kaari Upson aus Los Angeles nach Mannheim gebangt werden.


Foto: Ankunft der „Mother's Legs“ in der Anlieferungshalle der Kunsthalle Mannheim mit Direktor Johan Holten und Restauratorin Katrin Radermacher. 
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Der Aufbau ist im vollen Gange. Zunächst wird nach genauer Planung der Künstlerin Papprollen als Platzhalter für die „Beine"  in den Ausstellungskubus platziert, ehe das Art-Handling-Team mit der Hängung von „Mother's Legs“ startet.
 

Foto: Der Zustand der Objekte wird nach dem Auspacken genau untersucht.
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Hu Xiaoyuan

Aus gefundenen Metallstäben und Seidentüchern inszeniert die Künstlerin zerbrechliche Konstruktionen, um an temporäre Behausungen zu erinnern, wie sie Wanderarbeiter in ihrer Nachbarschaft bewohnten. Über ein Jahr setzte sie die Seide der Witterung aus. Anhand der entstandenen Patina wird Zeitlichkeit sichtbar.


Foto: Hu Xiaoyuan bei der Arbeit in ihrem Studio in Peking. 
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„Vor neun Monaten habe ich eine frische Zitrone aus dem Supermarkt mit ins Studio gebracht und sie in Rohseide eingenäht. Mit Tusche zeichnete ich alle Narben auf der Frucht nach, soweit ich sie durch die Stofftasche sehen konnte. Ähnlich bin ich mit weiteren Objekten verfahren, die in Mannheim als neue Werkgruppe zu sehen sind – beispielsweise eine Keramiktasse, eine Schwimmblase, ein Edelstahlbecken, ein Glasbecher, ein Stein, ein Ei, ein Holzstab, ein gebrauchter Autositz oder eine Plastikschaufel. An der Zitrone lässt sich die zeitliche Verwitterung am radikalsten ablesen, denn sie ist mittlerweile vertrocknet und geschrumpft.“
Hu Xiaoyuan


Foto: Detailansicht der Zitrone, die mit Tusche bemalter Rohseide umhüllt ist.




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Das Auspacken eines Kunstwerkes nach seinem Transport ist nicht nur spannend, sondern auch hoch konzentrierte Arbeit. Die filigranen Teile der Arbeit „Spheres of Doubt II“ von Hu Xiaoyuan müssen aus der aufwendigen Verpackung gelöst und der Zustand der Einzelteile genauestens  dokumentiert werden.


Video: Der Videoausschnitt entstand während des Auspackens der Arbeit im Depot der Kunsthalle. 
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Da die Künstlerin Hu Xiaoyuan während des Ausstellungsaufbaus nicht vor Ort ist, hat sie ein Miniaturmodell ihrer Arbeit erstellt. Anhand dessen installiert das Art-Handling-Team das skulpturale Werk.


Foto: Links das Werkmodell von Hu Xiaoyuan, rechts der Aufbaubeginn in der Kunsthalle.
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UMBURCH - First Views der ersten Ausstellung unseres neuen Direktors Johann Holten in der Kunsthalle Mannheim

First Views der ersten Ausstellung unseres neuen Direktors Johan Holten in der Kunsthalle Mannheim
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 „Ich möchte mit der Ausstellung UMBRUCH ein neues Kapitel in der Geschichte der Kunsthalle Mannheim einschlagen." Johan Holten

Der Ausstellung liegen drei Schwerpunkte zugrunde. Ein Kapitel nimmt den Umbruch im Verhältnis zwischen der Institution Museum und seinem Publikum in den Blick.

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KAPITEL I

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Übersicht
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Kapitel 1 UMBRUCH - Idee der Ausstellung

UMBRUCH

UMBRUCH

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Kapitel 2 DIE AUSSTELLUNG VOR DEM HINTERGRUND DER AKTUELLEN KRISE

UMBRUCH

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UMBRUCH

Kapitel 3 INSZENIERUNG DER AUSSTELLUNG

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Kapitel 4 ERSTES AUSSTELLUNGSKAPITEL

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Kapitel 5 ZWEITES AUSSTELLUNGSKAPITEL

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Kapitel 6 DRITTES AUSSTELLUNGSKAPITEL

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